3. - 5. März 2010

Morgens beobachteten wir eine Eselsstärke bei der Produktion von Olivenöl und machten einen kleinen Spaziergang durch die Oase Tagmout. Dann fuhren wir die R1805 weiter nach Tata, durch völlig trockene Gegend, durchzogen von Wadis, die nur selten Wasser führen.

Der Camping Municipal in Tata war wegen fehlender anderer Campingplätze, die entweder im Bau stecken geblieben oder ohne Wasser (Camping Titi) waren, sehr gut gefüllt, aber ein Plätzchen findet sich immer.

Tata, die Provinzhauptstadt mit rund 13000 Einwohnern, ist ein Militärstützpunkt wegen der nahen algerischen Grenze und hat einen ganz besonderen Charme. Lauter rosafarbene Häuser, das würde unserer Enkelin Swantje gefallen! Von den schnurgeraden Straßen in der Ortsmitte haben einige bunt gekachelte Laubengänge, in denen sich kleine Werkstätten und Läden befinden. Das ist bei der Hitze hier im Sommer ausgesprochen praktisch. Üppige Oasen umgeben den Ort. Wegen der trockenwarmen Luft überwintern hier auch viele französische Camper. Da waren wir schon richtig froh, dass tatsächlich noch ein zweites deutsches Fahrzeug auftauchte : Eltern, die im Moment ein Sabbatjahr einlegen, mit 5-jährigen Drillingen ein Jahr auf großer Tour, bevor die Kinder zur Schule müssen. Endlich mal Kinder und nicht nur Rentner auf einem Campingplatz hier!

6. - 11. März 2010

Wir fühlten uns so wohl - und dann der große Schock! Um 4 Uhr morgens am Samstag klagte Gerd über starke Schmerzen in der Brust. Nachdem der Pförtner endlich den Campingplatzchef erreicht hatte, rief dieser eine Ambulanz, die zwar äußerst vorsintflutlich ausgestattet war, aber wenigsten relativ schnell ankam. Die Poliklinik in Tata sollte laut Reiseführer europäischen Standard aufweisen. Das ließ hoffen, brachte aber nicht viel. Die Untersuchung lief sehr behäbig, man stellte aber per EKG fest, dass der Herzmuskel betroffen sei. Da könne man nichts machen, weil kein Kardiologe zum Krankenhaus gehöre. Immerhin bekam Gerd Sauerstoff, weil er schlecht atmen konnte und wurde an den Tropf gehängt. Es verging etliche Zeit, bis dann eine etwas bessere Ambulanz eintraf, die noch mit einer werdenden Mutter unterwegs gewesen war. Zuerst fuhren wir zum Campingplatz, um ganz schnell ein paar wichtige Sachen einzupacken, das Womo zu verschließen und dann ging es 4 Stunden weiter nach Agadir. Nervenaufreibend! Gerd bekam davon nicht viel mit, er hatte aber die ganze Zeit schreckliche Schmerzen, besonders bei Schlaglöchern oder in Kurven. Der Fahrer und die begleitende Pflegekraft waren sehr nett und taten ihr Möglichstes. Aber etliche Fahrzeuge unterwegs machten nicht Platz.

In Agadir ging dann alles ganz schnell. Die 'Clinique Al Massira' war schon vorbereitet und der Kardiologe griff schnell ein. Erste Diagnose: Herzinfarkt!! Nun folgten massenhaft Medikamente und etliche Dosen Morphin gegen die Schmerzen. Später wurde Gerd in die Röhre geschoben und dann stellte sich heraus, dass er ein Aneurysma am/im Herz hatte, sich sehr viel Wasser gesammelt hatte, was wiederum auf die Lungen drückte und die Schmerzen verursachte. Außerdem hatte sich Plaque in der Aorta gebildet, was einen Schlaganfall verursachen kann. Nun war Gerd nicht mehr ansprechbar und der Arzt konnte nicht mehr zusichern, dass Gerd die Nacht überlebt. Zu diesem Zeitpunkt versuchten unsere Söhne, nach Agadir zu kommen. Aber wenn es schnell gehen soll, bekommt man häufig keinen Nonstoppflug. In der Nacht zum Montag landeten sie hier und das war eine große Beruhigung für uns. Gerd war inzwischen wieder ansprechbar, doch die Situation noch sehr heikel.

Aber er hat es geschafft und befindet sich auf dem Weg der Besserung!

Wir haben beide beschlossen, dieses Geschehen ins Netz zu setzen, weil wir unsere Freunde und Bekannten so am schnellsten informieren können und unsere Erfahrungen vielleicht für andere Reisende, besonders für Marokkofahrer, nützlich sein könnten. Wenn Gerd schläft, setze ich mich an den PC, u.a. auch, um mich abzureagieren.

Die private Clinique Al Massira im Stadtzentrum von Agadir ist zwar nicht ganz so gut ausgestattet wie heutige deutsche Krankenhäuser (aber für daheim: besser als das ehemalige Annaheim allemal), hat aber die wichtigsten Geräte. Die Ärzte sind ausgesprochen nett und erst recht das (zahlreiche!) Personal. Man bemüht sich sehr. Leider verstehen wir nicht alles, weil unsere Französischkenntnisse doch zu rudimentär sind. Trotzdem waren wir heilfroh, dass wir wenigstens das Schulfranzösisch hatten. Hier gibt es mehrere Berbersprachen, Arabisch als 1. und Französisch als 2. Amtssprache. Der Arzt und wenige Schwestern sprechen etwas Englisch, welches sich aber kaum für eine Unterhaltung über die Krankheit eignet. Ich bekam ein Bett neben Gerd und werde voll verpflegt mit leckerem Essen. Die Hygiene ist nicht so extrem wie in Deutschland, aber es ist sauber.

Mit Gerd geht es langsam aufwärts, das Wasser ist verschwunden, langsam werden die Medikamente reduziert. Er konnte schon die Intensivstation verlassen, hat ein Einzelzimmer mit Bad und wird vielleicht in ein paar Tagen transportfähig sein. Das ist das Allerwichtigste!!! Die weitere Behandlung muss in Deutschland erfolgen.

Das Drumherum ist leider teilweise nicht so erfreulich. Gleich am Anfang benachrichtigte ich den ACE, weil wir dort eine weltweite Rücktransportversicherung ( ganz neues Angebot beim ACE) haben. Die waren sehr bemüht, hatten Arztgespräche wegen Transportfähigkeit, verlangten schriftlichen Arztbericht, schickten lange Faxe mit Fragen und wir die dann beantwortet zurück......ein großer Aufwand in dieser Stresssituation. Zum Schluss ging es dann nur noch darum, ob meine Flugkosten eventuell aus Kulanzgründen auch übernommen würden.--------Und am 3. Tag, ganz zum Schluss , kam die lapidare Nachricht, dass sie gar nichts übernehmen würden, weil wir über 6 Wochen im Ausland gewesen wären. Die Frist hätte im Kleingedruckten gestanden. In der Werbung stand davon natürlich nichts! Aber wir könnten Gerds Transport selbst bezahlen (ca. 30000€). Bös reingefallen? Dusseligkeit von uns? Wenn wir überhaupt noch mal so weit fahren können, werden wir uns da besser absichern. Unsere gewerkschaftliche Solidarität mit dem ACE hat sich verflüchtigt, hatte ich doch u.a. auch gleich beim ersten Telefongespräch gesagt, wie lange wir schon in Marokko sind.

Glücklicherweise war dann nach 4 Tagen klar, dass ein Liegendtransport nicht nötig sein würde, ein Rollstuhl tut es auch. Das werden wir auch allein schaffen.

Nun war noch das Problem mit dem Wohnmobil zu klären, welches ja einsam in Tata stand, und dessen Rücktransport vom ACE auch verweigert wurde. Aber dann hatten wir richtig Glück! Unser Sohn Marcus war gerade da, als Montag gegen Mittag plötzlich der Campingplatzchef aus Tata zu Besuch kam. Er hatte in Agadir zu tun und wollte mal sehen, wie es Gerd geht. So was gibts hier!! Er hat Marcus dann mitgenommen nach Tata und am nächsten Tag fuhr Marcus mit dem Womo nach Agadir.

Ursprünglich hatte ich vor, Gerd - liegend im Womo - nach Deutschland zurückzufahren. Das hätte ich wohl geschafft, aber es hätte sehr lange gedauert. Inzwischen hatte unsere Schwiegertochter beschlossen, es sei am besten, wenn unsere Söhne nicht zurückflögen, sondern schnell mit dem Womo führen, da sie ja abwechselnd fahren könnten. Das war natürlich die beste Lösung. Die etwas schwierige Hürde mit weiterem Urlaub für unseren Sohn Daniel wurde auch genommen und dann stürzten Daniel und ich uns in die Formalitäten, weil die Marokkaner nur den Eigentümer des Wohnmobils wieder damit ausreisen lassen. Gute Tipps gab uns die deutsche Vertreterin des ADAC in Agadir (Tel. im Kohlbach-Buch), obwohl wir gar nicht Mitglied sind. Als wir dann einem Arzt von unserem Vorhaben erzählten, meinte er, ich müsste aber erst eine Vollmacht schreiben, dass Daniel den Wagen fahren dürfte. Und sofort setze er sich hin und entwarf auf einem Zettel eine Bescheinigung in perfektem Behördenfranzösisch, unterstützt von dem Nachtwachenpfleger. Ein Bild zum Piepen! Später half dieser Pfleger mir dann beim Übersetzen der Arzthandschrift.

Am nächsten Morgen mussten wir erst noch eine Arztbescheinigung holen, dass ich wegen Gerds Krankenhausaufenthalt nicht in der Lage war, das Auto auszuführen und anschließend ließen Daniel und ich die Vollmacht im Rathaus beglaubigen. Sobald das Wohnmobil in Agadir angekommen war, fuhren Daniel und ich zum Zoll im Hafen. Dort wurden wir erst mal zum Kopieren der Pässe und etlicher Papiere in einen nahen Kopierladen geschickt-- mit dem Hinweis, dass unsere Nummer aber vielleicht nicht mehr vor Dienstschluss drankäme. 4 Stunden Warterei mit Nervenflattern!! 5 Minuten vor Dienstschluss erhielten wir tatsächlich noch das Wagenausfuhrpapier. Nun war Daniel für ein paar Tage in Marokko vorläufiger Besitzer des Womos und konnte es unbesorgt ausführen. Bei Sonnenaufgang am Mittwoch fuhren sie dann los, denn Nachtfahrten sind in Marokko aus Sicherheitsgründen ( plötzliche tiefe Schlaglöcher, Straßenabbrüche, fremde Subjekte auf der Autobahn) nicht angesagt.

Inzwischen befinden sich die Jungen schon in Frankreich und wir atmen langsam auf. Marcus hat uns noch einen Nonstoppflug am nächsten Mittwoch (17. März) nach Deutschland gebucht.

Mir liegt sehr am Herzen, einmal zu sagen, wie froh und dankbar wir über die Hilfe unserer Söhne und der Schwiegertochter sind. Es ist schrecklich, in einer solchen Situation ganz allein zu sein. Und das Pflegepersonal ist unwahrscheinlich lieb und freundlich. Besucherinnen auf der Intensivstation versuchten, mich während der kritischen Phase zu trösten und nahmen mich in die Arme. Eine Berberin konnte ich gar nicht verstehen, aber wir wussten genau, was wir uns sagen wollten.

Das ist der augenblickliche Stand. Die letzte Nacht habe ich bereits in einem Hotel in der Nähe verbracht, weil im Kankenhaus auch nachts ein sehr unruhiges Gewusel herrscht. Und Gerd fängt bereits an, sich zu langweilen. Jetzt drückt uns mal alle die Daumen, dass er angsam wieder etwas kräftiger wird, heil in Deutschland ankommt und es auch dann gut weiter geht.

12. März 2010

Jetzt geht alles besser und schneller als wir jemals gedacht hatten. Gerd kann morgen das Krankenhaus verlassen! Ich werde ein nettes Hotel mit Garten suchen, um Gerd fit für den Flug zu machen. Und für nächsten Freitag hat Gerd einen Untersuchungstermin in einem deutschen Krankenhaus.

14. März 2010

DieJungen sind nach einer Gewalttour schon Freitag Abend mit dem Womo wieder zu Hause angekommen und wir befinden uns im Hotel Almoggar und haben von der Terrasse aus einen schönen Blick auf Garten und Meer. Das tut Gerd gut. Er ist noch sehr schwach, kann aber schon mit zum Essen gehen. Ich hoffe, dass er für den Flug noch fitter wird.

Der Campingplatz von Agadir liegt auf der anderen Straßenseite. Das erzeugt ein ganz komisches Gefühl im Magen. Ob wir wohl jemals wieder hierher kommen können? Bis auf die Krankheit haben wir nämlich nur gute Erinnerungen an Marokko.

Nachtrag

Der Flug war anstrengend für Gerd, hat aber gut geklappt. Zu Hause bestätigten uns die Ärzte noch einmal an Hand der marokkanischen Aufnahmen und Arztberichte, dass die Situation sehr ernst gewesen war. Er wurde sofort wieder verkabelt und gründlich untersucht. Es war auch die Rede von möglicher Überweisung in die Herzkliniken von Münster oder Bad Oeynhausen. Und nun kommt der Hammer! Am 22. März konnte bei einer Herzkatheteruntersuchung nichts mehr festgestellt werden, ein Aneurysma bildet sich laut Arztaussage nicht völlig zurück. Jetzige Meinung: Es war wahrscheinlich eine Virusinfektion mit Herzbeutelentzündung und starker Wasserbildung. Dank der richtigen Medikamentengabe durch den mar. Arzt kam es zur Besserung. Am 23. März verlässt Gerd das Krankenhaus und muss dann so langsam wieder auf die Beine kommen.

Wir können es fast noch gar nicht fassen, dass es so gut ausgegangen ist. Uns ist jedenfalls eine ganze Pflasterstaße vom Herzen gefallen. Und so ganz im Stillen keimt schon der Gedanke, dass vielleicht eine weitere Reise nach Marokko nicht mehr ganz ausgeschlossen zu sein scheint. Unverbesserlich ?!?

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